Camino Frances – Vorspiel

Prolog: Von Jugendträumen und der Panik, wenn sie wahr werden, von geliehenen Hosen, geborgten Ponchos, zwei Stöcken und einem Kilo Nüssen, von 27 Kilometer Nervenflattern und Abschiedsschmerz und von der großen Abenteuerlust (26.04.2016)

Ich werde es also wirklich tun. Nachdem ich gut zwanzig Jahre lang mein Sprüchlein „eines Tages laufe ich mal den Jakobsweg“ aufgesagt habe, steht „eines Tages“ vor der Tür und klopft unüberhörbar. Wir haben den 26. April 2016 und es gibt keine Ausreden mehr. Seit ich als Teenager über den Jakobsweg gelesen habe, lange bevor Hape Kerkeling sein Buch schrieb und Martin Sheen „The Way“ in Angriff nahm, will ich dieses Unterfangen zu meinem machen. Knapp 800 Kilometer zu Fuß gehen, Wind und Wetter trotzen, in sehr einfachen Unterkünften nächtigen und eine Tradition fortsetzen, die es seit Hunderten von Jahren gibt: zu Fuß über die Pyrenäen und quer durch Spanien mit dem Endziel Santiago de Compostela.

Befreiungsschläge

Wieso ich es nach 20 Jahren jetzt endlich tue? Nun, Schuld ist mein Freund, der endgültig genug von meinem ambitionslosen Geseier hatte, als ich während eines herbstlichen Wochenendtrips auf Sylt aus meiner windgeschützten Düne nörgelnd vermeldete, dass ich so gerne mal komplett abschalten würde, mir mal in Ruhe überlegen wolle, was ich beruflich eigentlich als nächstes tun wolle und einmal mehr seufzte: „Eines Tages laufe ich den Jakobsweg.“ Ihm riss sein doch eigentlich recht starkes Geduldsfädchen, und er sagte nur, ich solle endlich aufhören, immer nur darüber zu reden und stattdessen mal etwas tun, um es umzusetzen, wenn es denn wirklich ein so großer Traum sei.

Autsch, das saß. Wie die meisten Menschen bin ich nicht unbedingt ein Fan davon, wenn andere Leute Recht und ich Unrecht habe und so spulte ich sämtliche Gründe, aus denen das nicht mal eben so gehe, aufs Tapet. Hauptargument war natürlich mein Job. Ich könne als Abteilungsleitung wohl kaum mal eben mehrere Wochen frei nehmen. Wie er sich das vorstelle? Ob ich meinen Chef denn jemals gefragt habe, wollte mein Freund wissen, und ich musste einräumen, dass ich das natürlich nicht getan hatte. Dabei fiel eine entscheidende Blockade in meinem Kopf für immer um.

Einen Monat später, besagter Chef und ich saßen gerade nach einem Kundentermin in einem Taxi, ergriff ich die Möglichkeit beim Schopfe und sagte, nach zehn Jahren wolle ich mir einen Traum erfüllen und dazu brauche ich seine Hilfe. Der Plan ging auf. Wer fühlt sich nicht geschmeichelt, wenn er helfen kann. Ich erzählte von meinem Vorhaben und schlug vorsichtig ein Sabbatical vor. Überraschenderweise war seine erste Reaktion, dass er so was auch immer schon mal habe machen wollen, aber ihn sein Job nicht ließe. Er versprach, darüber nach zu denken. Und so dachten wir beide noch mal einen Monat darüber nach.

In diesem einen Monat wurde aus meinem Wunsch eine Entscheidung. Ich würde 2016 den Camino Francés laufen, komme, was da wolle. Entweder würde es Hand in Hand mit meiner Firma als Sabbatical funktionieren oder ich würde kündigen. Mein Freund und ich wollten in absehbarer Zeit das Thema Nachwuchs in Angriff nehmen und wenn ich nicht in diesem Jahr liefe, dann wohl erst in 18 Jahren oder nie.

Als ich zum zweiten Gespräch mit meinem Chef ging, hatte ich mir eine 1a Strategie überlegt. Ich war seit zehn Jahren in der Firma und mir recht sicher, dass sie mich ungern komplett verlieren wollen würden. Wie bei einer Gehaltsverhandlung wollte ich mit einem höheren Gebot in das Gespräch einsteigen, um mich dann ein bisschen runter handeln zu lassen. Ich hatte mir ausgerechnet, dass ich gern sechs bis sieben Wochen zum Wandern hätte, vorher und nachher hätte ich ebenfalls gern noch ca. eine Woche. Ich würde zehn Wochen fordern und bei acht Wochen landen. Das Gespräch lief erneut besser als erwartet. Mein Chef merkte sofort, dass es mir bitterernst war. Wie lange ich mir mein Sabbatical vorstellen würde? Todesmutig sagte ich zehn und wartete: eine Sekunde, zwei Sekunden, drei Sekunden. „Okay“, sagte mein Chef und versuchte gar nicht erst zu feilschen, sondern kam meinem Wunsch komplett nach. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Das war Mitte Januar.

Kein Zurück mehr

Und dann raste die Zeit nur so. Ich kaufte mir Wanderschuhe, mit denen ich regelmäßig ins Büro lief, recherchierte Flug- und Zugverbindungen, durchforstete das Internet nach Packlisten, wurde Stammkunde bei Globetrotter und hatte Mitte März den Großteil meines Equipments beisammen, außerdem einen Flug nach Biarritz am 27.4. und einen Rückflug von Santiago am 9.6. Alles lief wie am Schnürchen. Nur den Teil mit dem Trainieren kriegte ich nicht auf die Kette. Erst hielten mich zwei heftige Erkältungen vom Joggen ab und dann, als es bereits Mitte März war, hatte ich auf einmal Schiss, beim Joggen umzuknicken und die Reise gar nicht erst antreten zu können, also ließ ich die Joggerei einfach sein. Es würde schon gehen.

Anfang April wurde aus Vorfreude latente Panik. Ich würde das tatsächlich machen. War ich eigentlich wahnsinnig? Alleine eine solche Reise anzutreten? Ohne einschlägige Wandererfahrung? Sechs Wochen reduziert auf den Inhalt meines Rucksacks? Mit fremden Menschen Stockbetten teilen? Umgeben sein von Suchenden, Verrückten und Glaubensfanatikern? Es gab kein Zurück mehr. Und so drückte ich am 8. April mein Team ein letztes Mal, schrieb meinen Kunden eine Mail und zog die Bürotür hinter mir zu und feierte mit meinen Kollegen ein rauschendes Abschiedsfest.

Das Wochenende verbrachten mein Freund und ich in Porto. Wir wollten noch ein letztes Mal wirklich Zeit für einander haben und etwas gemeinsam erleben. Es waren grandiose vier Tage, wenn man davon absieht, dass ich mir bei einem 16 Kilometer weiten Spaziergang, bei dem wir uns übrigens auch auf dem Jakobsweg (wenn auch dem portugiesischen) befanden, in meinen Chucks eine schmerzende Stelle einfing, die irgendwo zwischen Knöchel und Seite vor sich hin wehwehte.

Angstgegner Etappe 1

Zurück in Hamburg ging es in die finalen Vorbereitungen. Man glaubt gar nicht, wie viel man auf den letzten Metern dann doch noch besorgen und bestellen muss. Ein Regenschutz für den Rucksack, eine Powerbank, eine spanische SIM-Karte, Abschiedstreffen mit Freunden, Poncho von einer Freundin borgen, letzter Besuch bei den Eltern, Instruktionen zum Blumengießen an den Freund zuhause. Und Reiseführer lesen. Immer und immer wieder. Etappe 1 – meine persönliche Paniketappe. Dieser kleine Schelm zieht sich nämlich ganze 27 Kilometer, dabei erst auf 22 Kilometern 1.400 Höhenmeter hinauf und anschließend auf weiteren 5 Kilometern 700 Höhenmeter wieder runter. Nach knapp acht Kilometern ist man übrigens völlig auf sich allein gestellt. Es kommt nichts mehr außer Natur. Wie oft stellte ich mir vor, dass ich nach 20 Kilometern am Ende irgendwo am Waldrand kollabieren würde.

Die einzige alternative Möglichkeit bestand darin, am ersten Tag nur acht Kilometer zu laufen und in der Herberge von Orisson zu übernachten. In einem Anflug von Panik schrieb ich Anfang April die Inhaber an. Ich hatte bereits im Internet gelesen, dass man besser vorher reserviert. Es waren noch drei Wochen, und man kann sich mein überraschtes Gesicht vorstellen, als drei Tage nach meiner Mail die Absage bei mir eintrudelte. Man sei ausgebucht. Und zwar drei Monate im Voraus. Ich versuchte, flach in den Bauch zu atmen. Ich musste das Ding also an einem Stück packen oder mich von einem lokalen Dienstleister nach dem ersten Drittel einsammeln und am nächsten Tag dorthin zurück karren lassen. Das war mir aber irgendwie wirklich zu blöd.

Als ich meine Eltern anderthalb Wochen vor Abflug besuchte, war ich hin und her gerissen zwischen Vorfreude und nackter Angst. Die besorgten Fragen der beiden, denen auch langsam klar wurde, in welches Abenteuer ich mich da stürzte, machten es nicht besser. Mein Vater lieh mir netterweise seine zippbare Hose, die mir einen Tick zu eng war und aus heutiger Sicht mit über 500g ein Schwergewicht (und unpraktisch, da nicht atmungsaktiv) ist. Er freute sich klammheimlich, dass seine Hose mehr Abenteuer erleben würde als er. Meine Mutter fuhr mit mir einkaufen und deckte mich mit Nüssen, Feigen und getrockneten Aprikosen ein. Falls Etappe eins länger dauern würde, als geplant, würde ich zumindest nicht verhungern. Mit diesen Schätzen in meinem neu erworbenen Rucksack fuhr ich zurück nach Hamburg. Mir blieben noch wenige Tage.

Nun, da klar war, dass ich die 27 Kilometer am Stück schaffen musste, konnte ich auch endlich mein Handy-Dilemma lösen. Ursprünglich wollte ich meine eigene SIM-Karte zuhause lassen, um nicht für die Firma erreichbar zu sein. Ab Tag zwei würde meine spanische SIM-Karte greifen und die wäre bis eine Woche vor Abflug nutzbar. Dann wäre ich vermutlich eh längst in Santiago oder läge irgendwo am Meer. Nun entschied ich, meinem Bauchgefühl folgend, klar dagegen. Ich wollte nicht ohne Handy unterwegs sein. An keinem Tag meiner Reise. Dass ich Anfang des Jahres sogar ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, gar kein Smartphone mitzunehmen und stattdessen ein altes Gerät zu nehmen, das ausschließlich telefonieren kann, wirkte aus jetziger Sicht wie ein schlechter Witz und war zudem unpraktisch. Digital Detox in allen Ehren, aber ohne iPhone müsste ich einen Fotoapparat, das normale Handy und einen MP3-Player mit mir herum schleppen, inklusive verschiedenster Ladegeräte. Das wäre unnötiges Gewicht und Platzverschwendung. Das Smartphone kam mit. Falls alle anderen Pilger blöd sein sollten, hätte ich so zudem die Möglichkeit Candies zu crushen, oder was man sonst Anspruchsvolles tut.

Eigentlich habe ich gar keine Lust

Ein letzter Besuch in einem Sportladen zwei Tage vor Abflug führte noch zu einer überraschenden Wendung. Der Verkäufer, dem ich eigentlich eine Hose abkaufen wollte, fragte mich nebenbei, ob ich denn Stöcke für die Wanderung hätte. Ich schaute ihn mit dem verachtungsvollsten Blick an, den ich drauf habe und fragte, ob ich aussähe wie ein Vollidiot? Er wiederholte seine Frage und ich sagte im Brustton der Überzeugung, ich hätte und wolle keine Stöcke. Damit sähe man schließlich aus, wie eine alte Frau beim Nordic Walken. Ich würde mir stattdessen lieber ganz romantisch einen Stock am Wegesrand besorgen und mit diesem meinen Weg fortsetzen. Er schüttelt den Kopf über so viel Ignoranz. Ich sollte mir statt einer zweiten Hose lieber zwei ordentliche Stöcke kaufen. Die würden das Gewicht des Rucksacks um 30% reduzieren, beim Abstieg die Knie entlasten, beim Aufstieg zum Abdrücken dienen, mir unterwegs mehr Tempo verleihen und dicken Fingern entgegen wirken. Was soll ich sagen – er schaffte es, mich zu überzeugen und ich werde ihm ewig dankbar sein.

Am 26. April, dem Tag vor der Abreise, habe ich nun also endlich alles beisammen. Mein Rucksack wiegt stattliche 14 Kilo, mindestens ein Kilo davon sind Lebensmittel. img_3396-1Und auch sonst habe ich aus heutiger Sicht einiges an unnützem Kram dabei (Metall-Büchsenöffner, Plastikteller, eine viel zu schwere Powerbank, ein kleines Kissen und – Trommelwirbel – ein Buch). Empfohlen werden zehn Kilo, wie auch immer einem das gelingen soll! Ich halte mich aber für ein großes Mädchen und bin sicher, dass ich das tragen kann. Und zwar mit Fassung.

Mittags telefoniere ich noch mit einem alten Freund, der vor ein paar Jahren den Camino Primitivo gelaufen ist und blase noch einmal ordentlich ins Panikhorn. Jetzt, wo alles zum Greifen nah ist, habe ich auf einmal keine Lust mehr. Er beruhigt mich und erzählt ein paar Schmankerl von seiner Reise, von den tollen Menschen die er getroffen und der wunderschönen Natur, die er sehen durfte. Ich beruhige mich wieder ein wenig. Innerlich denke ich, dass ich ja schließlich gar nichts muss und zur Not einfach den Flieger zurück nehme, wenn es mir nicht gefällt. Sabbatical geht auch in Hamburg.

Abends gibt es ein letztes Abschiedsessen mit meinem Freund. Was für eine komische Vorstellung, dass wir uns jetzt so lange nicht sehen werden. Wir sind vor einem guten halben Jahr zusammengezogen, und es ist für uns beide eine unwirkliche Vorstellung, dass er die Wohnung anderthalb Monate für sich alleine haben wird. Wir witzeln rum, dass ich mich mega verändern werde und als esoterisch angehauchter Weltverbesserer Anfang Juni wieder auf unserer gemeinsamen Matte stehen werde oder mich danach von ihm trenne, so wie es einem seiner Freunde ergangen ist. Der Abend geht viel zu schnell vorbei. So richtig genießen kann ich ihn nicht. Ich bin viel zu aufgeregt, und morgen geht der Wecker um kurz vor fünf. Ich fliege über Paris nach Biarritz, von dort mit dem Bus nach Bayonne und da wiederum geht dann der Zug nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Ein Hoch auf das Internet. Das erleichtert die Planung doch ungemein. Ab morgen spiele ich also „Ich bin dann mal weg“ und werde tatsächlich mit eigenen Augen all die Orte sehen, von denen ich gelesen habe. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass es wirklich real wird und vor dem Einschlafen flüstere ich meinem Freund zu, dass ich eigentlich gar nicht weg will. Er lacht mich aus, und ich lache mit. Ein letzter Blick auf den fertig gepackten Rucksack und dann schlafe ich ein.img_3404-1

Zusätzlicher Text zur Einstimmung:

Passenderweise wurde ich vor ein paar Wochen von den Mädels von Fjella angeschrieben, ob ich Lust hätte, einen Gastbeitrag für ihre Rubrik „Lieblingsberge / Lieblingstouren“ zu verfassen. Das habe ich gemacht und seit Mittwoch ist mein Bericht über den Jakobsweg im Ganzen und über die Überquerung des Ibañeta-Pass (ihr wisst schon, die besagte Paniketappe) im Besonderen veröffentlicht. Ihr findet ihn hier.

Zeitreise

Vorwärts: Du fragst dich, wie es jetzt wohl weitergehen wird? Schaffe ich es in den Flieger, komme ich gut an, geht die Panik weg und macht Platz für die Begeisterung? So viel sei gesagt: es wird einiges schief gehen. Sieh selbst nach bei Tag 1 von Hamburg nach Biarritz

Warst du selbst auf dem Jakobsweg unterwegs oder planst du vielleicht selbst, diesen Weg zu laufen? Erzähl mir davon und lasse auch gern sonstige Anmerkungen im Kommentarfeld da.

Advertisements

4 Gedanken zu “Camino Frances – Vorspiel

    1. Danke, Andreas – freut mich, wenn es dir gefallen hat! Und du hast recht. Ich wundere mich teilweise selbst, wie gut ich mich erinnere. Das liegt zum hauptsächlich daran, dass ich das wirklich alles noch sehr präsent habe. Es war eine meiner intensivsten Erlebnisse. Wenn es dann aber künftig um die einzelnen Tage geht, werde ich aber wohl doch unterstützend auf mein Tagebuch und die vielen Fotos zurück greifen müssen. Sonst könnte ich die einzelnen Etappen vermutlich nicht alle haarklein auseinander halten. Dazu waren es dann doch zu viele. Ich hoffe, ich kann dich auch außerhalb von Deutschland bei der Stange halten 😉

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s