XII (RS) – Von Assmannshausen nach Oestrich-Winkel

Tag 12 auf dem Rheinsteig handelt von großen Ambitionen: ein Adliger baut sich einen Park mit allen Stilmitteln der Romantik, inklusive Zauberhütte und mittelalterlicher Fake-Burg, eine überdimensionale Statue verspricht dem deutschen Reich Schutz und zwei Frauen mischen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Männerdomänen auf. (12. Oktober 2017, ca. 20 km)

Das Hotel Zwei Mohren bietet mir das luxuriöseste Frühstück seit fast drei Wochen, denn im Speisesaal wird die mannigfaltige Auswahl am Buffet von einem Waffeleisen abgerundet. Ich esse mich so satt ich kann und sorge zudem für später vor. Heute geht es nämlich noch mal hoch hinaus. Der Anstieg aus Assmannshausen heraus soll es in sich haben.

img_8056Ich überquere zum hoffentlich letzten Mal die Bahngleise (natürlich warte ich mal wieder, dass ein Zug durchfährt) und laufe zurück zur Alten Bauernschänke, in der ich gestern Abend mit Hans gegessen habe. Um die Ecke ist das Hotel mit Spa, aus dem die nette Dame gestern meine Unterkunft organisiert hat und gleich gegenüber befindet sich der Aufgang zur Seilbahn. Das altmodische Schild begeistert mich derart, dass ich kurz versucht bin, auf dieses Transportmittel umzuschwenken, entscheide mich dann aber mal wieder dagegen. Wanderereher und so.img_8057

Ich laufe als Dankeschön für so viel Initiative steil und immer steiler. Erst geht es noch durch Wohngebiet, dann wird es waldig. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie durchtrainiert die Beine der Anwohner sein müssen! Je steiler es ansteigt, desto häufiger frage ich mich, ob ich unter Masochismus leide, dass ich dieses Stück zu Fuß erklimme mit fast 450 km in den Beinen und denke wehmütig an die Seilbahn zurück. Kurz darauf laufe ich unter dem Sessellift hindurch, der menschenleer über meinen Kopf hinweg schwebt.img_8061

Nach dem abenteuerlichen, halbstündigen Aufstieg, genieße ich es umso mehr, als ich oben bin, denn nun erwartet mich der phantastische Osteinsche Park, von dem ich bis heute hin und weg bin. Dieses Stück des Weges ist für mich ganz klar mit der schönste Abschnitt (ist ja auch nicht so, dass mir das JEDER, den ich in den letzten Tagen getroffen habe, prophezeit hat). Dass die Sonne scheint, hilft natürlich auch noch mal enorm.

Der Park wurde von einem ambitionierten Adligen im 18. Jahrhundert angelegt. Er sollte die deutschen Romantiker inspirieren. Der gute Graf Ostein ließ sich nicht lumpen. Er rettete nicht bloß hunderte uralte Eichen und Buchen, sondern baute sich auch noch ein paar special Gimmicks in seinen Vorgarten: eine Zauberhöhle, eine gefakte Mittelalterburgruine und einen Rittersaal, letzterer ist leider nicht mehr zu bewundern. Nicht kleckern, klotzen.img_8065

Ich frage mich, ob Karoline von Günderode jemals hier war. Die Heldin meiner Magisterarbeit, eine deutsche Romantikerin, die so gern sein wollte, wie ein Mann, die schreiben wollte, wie ein Mann und die mindestens so mutig mit den Romantik-Motiven jonglierte, wie die hochgelobten Novalisse und Brentanos, aber als Frau nicht so recht Gehör fand, als unschicklich ambitioniert galt, zudem auch noch unglücklich in einen verheirateten Professor verliebt war und sich daraufhin mit Mitte 20 das Leben nahm.

img_8062Ich lasse mir im Park alle Zeit der Welt und bewundere bei meiner Ankunft als erstes die vielen Rehe in ihrem Gatter, die gemütlich vor sich hin äsen.

Weiter geht es, vorbei am Schlösschen, und hinein in den Park. Ich kann mich gar nicht satt sehen, an all den alten Bäumen. Sie flößen mir immer Respekt ein. Was die wohl alles schon gesehen haben? Wie ich dem Pfad folge, gelange ich zur Zauberhöhle.img_8066 Mich erwartet ein kleiner, niedriger Eingang, hinter dem nur Dunkelheit ist. Bewaffnet mit dem Licht meines iPhones (ohne traue ich mich nicht), bahne ich mir meinen Weg durch die Dunkelheit. Der schmale Weg endet in einem hellen Raum, mit vielen Fenstern. Ich glaube, man soll hier die Erleuchtung oder zu sich selbst finden. Ich suche und finde lediglich den Ausgang. Weiter geht es. Als nächstes Highlight erwartet mich die mittelalterliche Burg. Graf Ostein hat hier ganze Arbeit geleistet. Neben all den echten Burgen in der Umgebung könnte man glatt glauben, es handle sich auch bei diesem um ein Bauwerk aus uralten Zeiten.

Von hier hat man einen fantastischen Blick auf den Rhein.img_8067 Um mich rum toben lauter Zehnjährige, eine Klassenfahrt. Ein Junge beäugt interessiert meinen Rucksack und mein Outfit, und wagt, nach Details zu fragen. Ob ich etwa wandere? Ich erkläre ihm, dass ich bereits seit anderthalb Wochen unterwegs bin und dass ich in Bonn aufgebrochen bin. Er kann es gar nicht glauben. Er läuft zu seinen Klassenkameraden und seinem Lehrer und verkündet stolz: „Die Frau da vorne ist von Bonn hier her gelaufen, und sie hat nicht einmal ein Auto oder einen Zug benutzt!“ Ich muss in mich hinein lachen. Diese Geschichte prägt sich ihm vermutlich mehr ein, als alles, was er sonst heute noch gesehen hat.

Ich bin fast ein wenig traurig, als sich mein Aufenthalt im Park dem Ende zuneigt. Ich verlasse das Anwesen, nicht ohne mich doch ein wenig zu wundern, als ein älterer Herr auf einem Motorrad, das maximal 15 km/h fährt, neben mir bremst und mich fragt, ob ich wisse, wo der Parkplatz sei. Wir sind mitten im Wald. Von einem Parkplatz keine Spur.

img_8071Ich verlasse den Wald und bin kurz zwischen Weinstöcken, von wo aus ich noch einmal einen Blick auf die Mittelalter-Fake-Burg werfen kann. Ich komme zu einem kleinen Schrein, vor dem sich eine Bank und außerdem ein weiterer Weintresor befindet. Letzterer ist aber leer. Es ist erst 12:00 Uhr und so hält sich meine Enttäuschung, dass es keinen Wein gibt, in Grenzen.

img_8072Die Sonne scheint so schön, dass ich mich auf eine Bank setze und einfach nur die Wärme der Strahlen genieße. Unter meiner Bank macht es sich eine Eidechse gemütlich. So sonnen wir uns beide ein wenig und genießen den wunderschönen Blick auf Bingen, das auf der anderen Rheinseite vor sich hin schimmert. img_8077

Als ich gerade wieder unterwegs bin, laufe ich an einem Riesenpilz aus Stein und mit lauter Steinmännchen darauf vorbei. Ich habe immer noch nicht ganz raus, was es mit diesen Steinhäufchen auf sich hat. Dienen sie der Wegmarkierung oder hat da einfach nur jemand Langeweile?img_8076

Mein Weg führt aus dem Wald heraus und auf einmal wimmelt es nur so von Menschen. Mir kommt eine italienische Familie entgegen, die wissen will, ob es lohnt, den Weg noch in diese Richtung weiter zu laufen. Mit strahlenden Augen erzähle ich ihnen vom Osteinschen Park und freue mich, als sie ihren Weg fortsetzen.

Kurz darauf bin ich am Niederwald Denkmal, mit der gigantischen Germania, die dem Vaterland verspricht, es könne ruhig schlafen, weil die Wacht am Rhein alles im Griff habe (Kernbotschaft von mir auf das nötigste reduziert).img_8085 Es wimmelt hier nur so von Asiaten und Amis. Eine Dame mit breitem Südstaatenakzent wundert sich gemeinsam mit ihren Freundinnen, was es wohl mit dieser überdimensionierten Walküre auf sich hat und ich erkläre ihr, dass es in dieser Gegend häufiger mal Ärger mit den Franzosen gab. Thanks, honey.

Kurz darauf beobachte ich eine dreiköpfige Familie, beim Versuch ein Selfie mit Mutters Handy zu schießen. Da es nicht so recht zu gelingen will, erkläre ich mich bereit, das mit dem Fotografieren zu übernehmen und stoße auf Dankbarkeit. img_8083Im Anschluss revanchiert man sich natürlich gern. Ich freue mich riesig. Endlich mal ein Bild von mir, auf dem ich zu sehen bin, ohne komisch zu schauen (Selfie). Davon gibt es auf der ganzen Wanderung vielleicht drei Stück. Das zeugt davon, wie einsam mein Weg hier in der Regel verläuft.

Ich gehe die Stufen zur Germania hoch und umrunde die imposante Lady einmal, bevor ich mich auf die Stufen des Pavillons auf der gegenüberliegenden Seite setze und das bunte Treiben auf mich wirken lasse. Vor mir liegen noch 13 km.

img_8087Hinter dem Denkmal habe ich erneut die Möglichkeit, eine Seilbahn zu nutzen und könnte von hier aus gemütlich hinunter nach Rüdesheim gondeln. Ich schenke mir diesen Abstecher, mir ist nicht so nach Touriprogramm. Das Gewusel rund um das Niederwald Denkmal hat mir gereicht. So bleibe ich auf dem Rheinsteig und nehme das nächste Highlight ins Visier.

img_8088Es handelt sich um das Kloster Hildegardis. Das Kloster ist noch recht neu, es wurde im Jahre 1904 geweiht. Die Schwestern, die hier leben und arbeiten, halten die Erinnerung an ihre Namenspatronin am Leben.

Hildegard von Bingen gehört ebenfalls zu den Frauen, die sich vom männlichen Zeitgeist nicht irritieren ließen und einfach allen Konventionen zum Trotz ihr Ding durchzogen. img_8089Hildegard für ihren Teil hörte Stimmen, hatte Visionen, interpretierte die Bibel, komponierte und erforschte die Natur, im besonderen Heilkräuter. Diese außergewöhnliche Frau, die in dieser Gegend immer schon als Heilige galt, wurde erst unter dem deutschen Papst Benedikt, vor wenigen Jahren tatsächlich heilig gesprochen. Grund für die Kanonisation war übrigens nicht ihr Wirken, sondern die Tatsache, dass auch viele hundert Jahre nach ihrem Tod, Menschen ihr immer noch besondere Taten und Wunder zuschreiben. Diese Verehrung über die Zeit hinweg war der Grund, warum der Vatikan sie schlussendlich doch noch heilig sprach.

Im Klostercafé, in dem behinderte Menschen Arbeit finden, bestelle ich mir Traubensaftschorle, Milchkaffee und ein Stück Kuchen. Ich sitze schon wieder in der Sonne und es ist einfach herrlich. Ich entdecke eine SMS von meinem ehemaligen Chef. Ob ich ihn bei Gelegenheit zurückrufen könne, es sei wichtig. Wie wir alle wissen, habe ich gekündigt. Die Tatsache, dass er will, dass ich ihn zurückrufe, hätte mich früher wahnsinnig wütend gemacht. Von wegen Urlaub und Abschalten etc. Jetzt bin ich so was von entspannt, dass es mir völlig egal ist. Ich rufe ihn also zurück, wir stellen (wenig überraschend) fest, dass ich ihm nicht helfen kann und reden dann noch ein wenig über meine Wanderung und meine berufliche Zukunft. Mir kommt mein alter Job jetzt schon so wahnsinnig weit weg vor. Dabei habe ich fast zehn Jahre in der Firma gearbeitet und hatte befürchtet, dass es dauern würde, bis ich loslassen könne. Jetzt merke ich, es könnte mir egaler nicht sein. Seinen kleinen Versuch, meine Entscheidung, im neuen Job künftig keine Personalverantwortung zu haben, ein wenig madig zu machen, nehme ich grinsend zur Kenntnis („Ich hoffe, es fühlt sich nicht zu sehr nach einem Abstieg an“). Am Ende des Gesprächs bin ich mir jedenfalls noch sicherer, die absolut richtige Entscheidung getroffen zu haben.

img_8090Ich nehme mir Zeit, die Kirche zu besichtigen und staune über die Fenster und die wundervolle Deckenverzierung. Beim Schlendern durch die Gänge, informieren mich zahlreiche Tafeln über Leben und Wirken Hildegards von Bingen.

Auch danach wandle ich weiter auf christlichen Spuren. Nachdem ich durch Felder gelaufen und eine Straße überquert habe, führt mich der Rheinsteig erneut auf Feld- und Wiesenwege in Richtung des nächsten Klosters, dem Franziskanerkloster Marienthal. Der Abstieg ist ordentlich, und ich stolpere auf einem matschigen kleinen Weg talwärts. In diesem Kloster wurde 1468 übrigens die älteste Druckerei der Welt gegründet, und es war lange ein bedeutender Pilgerort. Leider sehe ich keine Mönche. Dabei habe ich (wie immer) extra das Franziskus-Kreuz als Glücksbringer um, das mir Franziskanermönche im spanischen Kloster Hebron (Portugiesischer Jakobsweg im Mai) geschenkt haben. img_8093Ich laufe einmal über das Gelände, mache einen kurzen Abstecher in die Kapelle und schaue dann fasziniert-entsetzt auf die vielen kitschigen Franziskus-Statuen im Klostergarten.

Was mich dann erwartet, halte ich erst für einen schlechten Witz. Es gibt keinen Weg. Zumindest keinen, den man sehen könnte. Stattdessen liegt vor mir eine steile Fläche, auf der überall Bäume stehen, und die ich nun irgendwie hoch gehen soll. Totaler Wahnsinn. Bin ich eine Gämse oder ein Steinbock?

Aber alles Trübsalblasen nutzt nichts, von selbst komme ich hier nicht weg. Und so nehme ich Anlauf, stemme mich auf meine Stöcke und peile den nächsten Baum an, um ihn anschließend zu umarmen. Ich hangele mich mit gefühlt letzter Kraft aufwärts. Zwischendrin lege ich kleine Kunstpausen ein und fluche abwechselnd wie ein Berserker oder schnappe nach Luft. Oben angekommen stehe ich im Wald. Toll! Kurz ist die Markierung nicht eindeutig und natürlich laufe ich in die falsche Richtung, was ich erst nach 10 Minuten bemerke. So was nervt mich immer so richtig.

Eine knappe halbe Stunde später tauche ich aus dem Wald kurz vor einem Parkplatz auf. Eine Frau, die sich gerade an ihrem Kofferraum zu schaffen macht, erkundigt sich interessiert, was ich hier eigentlich treibe. Als sie vom Unterfangen Rheinsteig hört, zollt sie mir Respekt. Das sei aber „tüchtig“, attestiert sie mir. Ich muss lachen. „Tüchtig“ ist ein Wort, das in meinem Wortschatz niemals aktiv vorkäme und das irgendwie nach Graupensuppe und zweitem Weltkrieg klingt. Es könnte quasi direktamente einem ZDF Mehrteiler mit Maria Furtwängler in der Hauptrolle entsprungen sein.

Weiter geht es, diesmal durch Felder. Es zieht sich ganz schön, und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich hier unnötige Schleifen drehe. Aber immerhin scheint die Sonne nach wie vor. Als ich am Waldrand eine Bank entdecke, entscheide ich, noch einmal zu pausieren. Meine Beine sind leicht zittrig und auch die Füße tun mir weh. Könnte daran liegen, dass die Wege auf den letzten Kilometern ziemlich steinig waren. img_8094An der Bank angekommen, kann ich die Pause leider nicht wirklich genießen, denn ich werde Opfer einer Marienkäferplage. Die eigentlich possierlichen Tierchen verbünden sich gegen mich und nehmen gesammelt Anflug auf meine Hose, meine Haare und mein Gepäck. Essen ist nicht, es sei denn, man möchte Marienkäfer. Auch wenn ich die kleinen Flugobjekte abschüttle, dauert es keine 5 Sekunden bis ich wieder belagert werde. Widerwillig mache ich einen Abgang.

Noch eine weitere Stunde muss ich querfeldein laufen. Ich wundere mich wirklich, dass ich nicht schon längst am Ziel bin. Es waren doch eigentlich nur noch 13 Kilometer vom Niederwald Denkmal und dort bin ich gegen halb zwei aufgebrochen. img_8095Dann endlich kann ich Schloss Johannisberg in den Feldern ausmachen. Das Ende der heutigen Etappe ist also nah. Um mir diese Wein-Kultstätte anzuschauen, müsste ich allerdings einen Umweg machen, den ich mir schenke. Ich bin einfach zu müde und gebe die Adresse meiner Unterkunft bei Maps ein und lasse mich auf direktem Wege dorthin leiten.

Am Ortseingang von Winkel bin ich so platt, dass ich mich tatsächlich noch mal auf die Bank setze, die neben der kleinen Kapelle steht. Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich bin offensichtlich grundsatzerschöpft von den Tagen, die hinter mir liegen. Die heutige Strecke war jetzt eigentlich keine große Herausforderung, wenn man von dem ersten Anstieg und der teils steinigen Wegbeschaffenheit einmal absieht. Ich raffe mich also ein letztes Mal auf und bin nach 15 Minuten, vorbei am Fitnessstudio und der ortsansässigen Feuerwehr, an meiner Pension. Mein Zimmer ist nett und das separate Bad lässt mich innerlich jauchzen. Nach dem üblichen Waschritual bin ich versucht, ins Bett zu sinken, aber mein Hunger gewinnt.

Ich habe mir von meiner Gastgeberin ein paar Tipps geben lassen, wo ich gut essen kann und mache mich auf den Weg in den Ortskern. Immer die Straße runter, unter den Gleisen hindurch und auf der Hauptstraße rechts ab, dem Essen entgegen. Kurz bevor ich „Die Wirtschaft“ erreiche, erlebe ich noch meinen ganz eigenen, ganz besonderen Melancholiemoment. Ich laufe an einem hübschen, alten Haus, mit pastellfarbenen blauen Fenster- und Türverkleidungen vorbei, als ich ein Schild entdecke.img_8096

Ich bin ein wenig sprachlos. Hier, in diesem Haus, verbrachte Karoline von Günderode ihre letzten Wochen, bevor sie sich das Leben nahm! Ich muss ordentlich schlucken, habe ich doch heute Mittag noch an die Dichterin gedacht. Als hätte ich es geahnt. Und jetzt klingelt es auch endlich bei mir. Sie nahm sich in Winkel am Rhein das Leben, natürlich. Nur hatte ich diesen Ort früher nie mit Oestrich-Winkel in Verbindung gebracht. Langsam gehen meine kleine Gänsehaut und ich weiter.

Kurz darauf sitze ich im Gasthof und segle natürlich wie immer ein paar gute Meter unter dem Dresscode durch. Das Lokal ist voll. Außer mir haben sich alle fein zurecht gemacht, wie man das eben macht, wenn man auswärts essen geht. An die leicht verwunderten Blick ob meines Outfits habe ich mich längst gewöhnt. Zudem stelle ich fest, dass es mir zunehmend leichter fällt, alleine zu essen und es trotzdem zu genießen. Ich bestelle mir ein Kürbis-Risotto und einen lokalen Weißwein und schaue mich im Laden um. Ich habe mich inzwischen darauf verlegt, anderen Gesprächen zu lauschen, wenn ich schon selbst niemanden zum Reden habe. Drei Tische weiter sitzen zwei Rentnerpaare. Man kennt sich seit Jahren, einer hat Geburtstag. Ich folge ihrem Gespräch und höre die grandiose Geschichte, wie eine der beiden Damen vor Jahren einem vermeintlichen Exhibitionisten aufgelauert hat, um ihn zu stellen und sich dabei ziemlich blamiert hat. Die Geschichte kriege ich leider nicht mehr zusammen, aber ich weiß noch, dass ich mich arg zusammenreißen musste, um nicht in das anschließende Gelächter einzustimmen.

Als ich gegessen habe und es etwas ruhiger wird, winke ich die Inhaberin des Lokals an meinen Tisch. Die Günderode geht mir nicht aus dem Kopf und so erkundige ich mich bei der Wirtin, wo ich den Friedhof und das Grab finden kann. Sie erklärt mir den Weg zur Kirche und skizziert, wo sich die Gedenktafel ungefähr befindet. img_8097Ich breche auf, nicht ohne noch einmal über die Spruchweisheiten zu lachen, die als Deko draußen an der Wand hängen.

Auf dem Rückweg komme ich zwar an der Kirche vorbei, doch es ist so was von stockdunkel, dass ich den Versuch, um die Kirche herum zum Friedhof zu laufen und nach dem Grab zu suchen, schnell aufgebe. Das ist mir dann irgendwie doch zu gruselig. Vielleicht komme ich einfach morgen früh noch mal wieder.

Eine halbe Stunde später liege ich im Bett. Morgen geht es nach Schlangenbad. Das sind noch mal 26 km. Ich hoffe auf bessere Wegbeschaffenheit als auf dem zweiten Teil des heutigen Weges. Es wird meine letzte richtige Etappe, bevor mir dann übermorgen nur noch 16 km bis nach Wiesbaden bleiben und die Reise vorbei ist. Es wird wahrlich Zeit, denn lange machen das meine Füße und Beine nicht mehr mit. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ich letztes Jahr auf dem Camino Frances 800 km am Stück gelaufen bin. Aber da ging es auch nicht jeden Tag fröhlich auf und ab. Mit den vorfreudigen Gedanken an zuhause, mein Bett und meine normalen Klamotten und meine Freunde schlafe ich ein.

Du willst wissen, wie es sich auf den letzten Metern läuft? Hier kommt die Etappe von Oestrich-Winkel nach Schlangenbad

Und so war es am Vortag auf Etappe 11: Kaub – Assmannshausen

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9 Gedanken zu “XII (RS) – Von Assmannshausen nach Oestrich-Winkel

  1. Liebe Audrey,
    danke für das nette Gespräch! Ich glaube, in den Osteinschen Park muss ich bei warmem Wetter auch noch mal. Auch zur Abtei St. Hildegard.
    Bin mal gespannt, wie ich den abends-alleine-Blues auf meiner Wochenwanderung so aushalte. Werde berichten 🙂
    LG
    Aurora

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  2. Hallo Audrey,
    dein Bericht hat mir gut gefallen. Beim Lesen konnte ich mir das ein oder andere Mal ein Lächeln nicht verkneifen. Ob Gespräch und Quintessenz zum Thema Ex-Chef (erinnert mich an mich gerade) oder das Wort „tüchtig“.
    Sehr schön, danke!
    Liebe Grüße aus dem Hunsrück
    Claudia von aktiv-durch-das-leben.de

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      1. Habs mir fast gedacht, beim Lesen, dass das nicht alles war 😉
        Ich wurde raus gelöst nach langen Jahren 150% Einsatz. Tut schon weh…
        Im Endeffekt bin ich allerdings froh, weg zu sein, denn jetzt zeigt sich, was da menschlich schlummerte.
        Liebe Grüße
        Claudia

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  3. liebe audrey
    meine eklärung für die stanamandl:
    einerseits wegmarkierung
    andererseits danksagung für den weg
    und auch erinnerung an alle die mitgehen oder dich in gedanken begleiten
    du schreibst wunderbar
    alles liebe

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